Premiere: 21.07.2006 - 19:30 Uhr
AMO - Eine dramatische Spurensuche

Einmal Deutschland und zurück

...nach Fragmenten der Lebensgeschichte des ersten schwarzen Hochschulprofessors in Deutschland im 18. Jahrhundert.

Die Fragmente der Lebensgeschichte des Schwarzen Anton Wilhelm Amo Afer sind die inspirierende Basis für das Theaterstück „Amo - eine dramatische Spurensuche“.

Amo kam 1707 als vierjähriger Junge nach Deutschland, er wuchs am Hofe eines Fürsten auf und studierte und lehrte als erster Schwarzer an einer deutschen Universität. Vor dem ambivalenten historischen Kontext des 18. Jahrhunderts zwischen Pietismus und Aufklärung, Sklaverei und einem neuen Menschenbild erscheint Amo als eine herausragende Persönlichkeit und Ausnahmeerscheinung seiner Zeit. Behütet aufgewachsen, erlebt er auf seinem Lebensweg jedoch spürbare Brüche:
"So lange ich klein war, ging es mir gut. Als ich groß war, hätte ich mich klein machen sollen. Ich wollte aber nicht klein sein, nicht kleiner als die anderen."

Amo wurde erzogen wie ein Deutscher, er war ein Deutscher, einer der ersten Afrodeutschen. Doch er wurde als „das Andere“ wahrgenommen. Er war ein Afrikaner ohne Wurzeln, der sein Land nicht kannte und der in dem Land, in dem er aufgewachsen war, nicht anerkannt wurde: Er war höfischer Prestigeträger, Gelehrter, ein ästhetisches Ereignis…

Manchmal hört man den schwarzen Schauspieler aus Amo sprechen, man weiß nicht mehr, ist man in der heutigen Zeit oder im 18. Jahrhundert. - Dann verliebt sich Amo. Eine Liebe, zum Scheitern verurteilt. Eine Identität, die zerbricht. Eine Geschichte, nach 250 Jahren aktueller denn je - erzählt im Spannungsfeld zwischen Gestern und Heute.

ANTON WILHELM AMO AFER

Amo kam 1707 als kleiner Junge aus der Region um Axim (Gebiet des heutigen Ghana) über Holland nach Deutschland und wuchs am Hofe des Fürsten Anton Ulrich von Braunschweig - Wolfenbüttel und dessen Sohn August Wilhelm auf. Er wurde dort 1708 auf die Namen seiner Herren Anton Wilhelm getauft. Seinen Namenszusatz "Afer aus Guinea in Afrika" wählte er später selbst. Am Hof war Amo einer von vielen Afrikanern, die dort als extravagante Diener, man sagte "Kammermohr" oder "Hofmohr", arbeiteten und den Höfen ein Ambiente von Glanz und Weltoffenheit verleihen sollten.

Bei Hofe erhielt Amo eine Ausbildung und erlangte die Hochschulreife. Er studierte und lehrte als erster schwarzer Dozent Deutschlands in Halle, Jena und Wittenberg. Der erste schwarze Doktor der Philosophie Deutschlands und Europas kehrte nach 40 Jahren an die westliche Küste der heutigen Republik Ghana zurück.

Die genauen Umstände seiner Rückkehr nach Ghana, ein Amo völlig unbekanntes Land, sind nicht bekannt. Doch man kennt einige Hintergründe: Der dreifache Universitätswechsel war kein Ausdruck freier Entfaltung, sondern Resultat eines philosophischen Streites zwischen Wolffianern und Pietisten. Auch starb im Jahre 1743 Johann Peter von Ludewig, der langjährige Freund und wichtigste Beschützer Amos.

Ein weiterer Aspekt, der vielleicht den Ausschlag für das Verlassen Deutschlands gab, ist, dass Amo sich in Halle verliebt hatte, sich jedoch vergeblich um diese Frau bemühte. In einer in Jena veröffentlichten Schmähschrift wird Amo, weil er ein „Mohr“ ist, zurückgewiesen. Das Paar konnte keine Ehe schließen und auch sonst keine anerkannte Form des Zusammenlebens finden.

Über Amos Leben in Ghana gibt es nur eine Erwähnung in einem Bericht des Holländers Winckelmann, der 1782 anhand von Tagebüchern über eine Seereise des Jahres 1753 an die "Goldküste" berichtete. Der Arzt David Henrij Gallandat hatte damals den alternden Philosophen in seiner Heimat besucht und Winckelmann fand die diesbezügliche Mitteilung so eigenartig, dass er sie auszugsweise wiedergab.

Am Beispiel der authentischen Lebensgeschichte Amos, die - soweit möglich - exemplarisch eine Generation von AfrikanerInnen in Deutschland verkörpert, wird die geschichtliche, psychologische und die soziale Dimension von Migration aufgezeigt. Im Falle Amos ist dies gleich eine zweifache Entwurzelung durch die Migration nach Deutschland und später wieder nach Ghana. Im 18. Jahrhundert gab es kaum AfrikanerInnen in Europa, sie galten als exotisch und hatten Schwierigkeiten, in Europa eine Identität zu finden. Zugleich waren sie ihrer afrikanischen Heimat entfremdet, die sie, wie Amo, teilweise überhaupt nicht kannten.

Amo war eine herausragende Persönlichkeit und Ausnahmeerscheinung seiner Zeit. Dies manifestiert sich zum einen in seiner außergewöhnlichen Karriere als Wissenschaftler. Zum anderen lebte er im zeitgeschichtlichen Kontext, im Spannungsfeld von Aufklärung und der Überwindung überkommener Traditionen.

Die Person Amo ist heute sowohl Bestandteil wissenschaftlicher Auseinandersetzung als auch Gegenstand öffentlichen Interesses. Auch in der Belletristik wird seine Geschichte verarbeitet. So veranstaltete die Stadt Halle im vergangenen Jahr eine "Amo-Woche", die Leben und Werk des Wissenschaftlers würdigte. In seinem ursprünglichen Heimatland, dem heutigen Ghana, beschäftigen sich Forscher wie Sebastian Bemile mit der Persönlichkeit Amos.

Auch hier in Deutschland wird seine Person von verschiedenen Wissenschaftlern diskutiert. Kontroverse Standpunkte sind es, z. B., ob Amo als Sklave nach Europa gekommen war und welcher wissenschaftlichen bzw. philosophischen Richtung er damals angehörte.

Strittig ist auch, welche Rechte die Schwarzen in Deutschland zu dieser Zeit hatten.

Bilder